Interview: Honoré de Balzac – Das unbekannte Meisterwerk

Christa, 16 mars 2019

Orelie: Guten Tag, Herr Honoré de Balzac, ich begrüße Sie herzlich zu diesem Gespräch, in dem wir über Ihre Novelle Das unbekannte Meisterwerk sprechen werden. Die Geschichte spielt Ende des Jahrs 1612. Der junge Maler Nicolas Poussin hat das Glück, bei einem Gespräch zwischen François Porbus, Maler Heinrich IV, und einem alten Maler namens Frenhofer anwesend zu sein. Alle drei sind in Porbus’ Atelier und bestaunen dessen Bild Maria Aegyptiaca. Wie beurteilt Frenhofer das Gemälde der Heiligen?

Honoré de Balzac: „Hm!” machte der Alte, „gut…, ja und nein. Deine Frau da ist nicht schlecht gemacht, aber sie lebt nicht. Sieh dir deine Heilige an, Porbus! Auf den ersten Blick scheint sie bewundernswert, beim zweiten Hinsehen aber merkt man, dass sie auf die Leinwand geklebt ist und dass man nicht um ihren Körper herumgehen könnte; es ist ein Schattenbild, mit einer einzigen Seite, ein Scherenschnitt, der sich weder umwenden noch seine Stellung ändern kann. Ich fühle keine Luft zwischen diesem Arm und dem Bildfeld; es fehlen Räumlichkeit und Tiefe; dabei ist alles richtig in der Perspektive, und die farbige Abstufung der Lufttöne ist genau beobachtet. Doch trotz dieser lobenswerten Bemühungen könnte ich niemals glauben, dass dieser schöne Körper von warmem Lebenshauch beseelt ist. Mir scheint, wenn ich die Hand an die doch so kräftige Rundung des Halses legte, ich ihn kalt wie Marmor fände! Nein, mein Freund, unter dieser Haut aus Elfenbein fließt kein Blut, und kein Leben schwellt mit Purpurtau die Adern und Äderchen, die sich unter dem durchscheinenden Bernstein der Schläfen und der Brust zum Gewebe verflechten. Diese Stelle hier lebt, aber diese andere da ist ohne Regung; Leben und Tod ringen miteinander in jeder Einzelheit: hier hast du eine Frau, dort ein Standbild und weiter dort einen Leichnam. Deine Schöpfung ist unvollständig”

Honoré de Balzac, Das unbekannte Meisterwerk, mit Illustrationen von Pablo Picasso, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S.38-40

Orelie: Wie ist dem jungen Maler Poussin beim Hören dieses strengen Urteils über Porbus Gemälde zumute?

Honoré de Balzac: Der junge Mann konnte sich nur mit Mühe zügeln: er hatte große Lust, den Alten zu schlagen.

Das unbekannte Meisterwerk, S.40-41

Orelie: Noch dazu hält Frenhofer mit seinen Beanstandungen an dem Bild nicht inne. Er fährt mit seiner Kritik fort, die auch Porbus ins Erstaunen versetzt Was wirft er diesem noch vor?

Honoré de Balzac: „Hier ist die Wahrheit”, sagte der Alte und zeigte auf die Brust der Heiligen. „Dann hier”, fuhr er fort, indem er auf eine Stelle zeigte, wo auf der Leinwand die Schulter endete. „Aber da”, sagte er, indem er zur Mitte des Halses zurückkehrte, „da ist alles falsch. Wir wollen nichts analysieren, das würde dich zur Verzweiflung bringen.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.42-43

Orelie: Was entgegnet ihm Porbus endlich?

Honoré de Balzac: „Meister, ich habe diesen Hals doch am Modell sehr wohl studiert; aber zu unserem Unglück gibt es Wirkungen, die in der Natur wahr sind, auf der Leinwand aber nicht mehr überzeugen.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.43

Orelie: Was ist Frenhofers Meinung hierzu?

Honoré de Balzac: Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken! Du bist doch kein gemeiner Kopist, sondern ein Poet! Die Wirkungen! Das sind doch nur die wechselnden Erscheinungen des Lebens und nicht das Leben selbst. Eine Hand steht nicht nur im Zusammenhang mit dem Körper, sie ist Ausdruck und Fortsetzung eines Gedankens, den man erfassen und wiedergeben muss. Ihr habt den Anschein des Lebens, aber ihr drückt seine überschäumende Fülle nicht aus, dieses Etwas, das vielleicht die Seele ist und wolkengleich über der äußeren Hülle schwebt, kurzum den Schmelz des Lebens, den Tizian und Raffael eingefangen haben.

Das unbekannte Meisterwerk, S.43-44, 48

Orelie: Nun greift Nicolas Poussin in das Gespräch ein und gibt zu verstehen, dass er das Bild für ein Meisterwerk hält. Porbus und Frenhofer werden daraufhin auf den jungen Maler aufmerksam, und Porbus verlangt von ihm, mit einem Rötelstift die Heilige zu kopieren, was Poussin sogleich tut. Für seine Zeichnung erhält er großes Lob von Frenhofer, der ihm erlaubt, da zu bleiben, um mitansehen zu können, was noch alles nötig ist, um aus Porbus’ Bild ein Meisterwerk zu machen. Frenhofer lässt sich eine Palette und einen Pinsel reichen und beginnt voll Eifer, an der Heiligen zu malen. Hierbei erklärt dem jungen Maler den einen und anderen seiner Pinselstriche.

Honoré de Balzac: „Siehst du, junger Mann, siehst du, wie man mit drei oder vier Pinselstrichen und mit ein wenig bläulicher Lasur die Luft um den Kopf dieser armen Heiligen zum Fließen bringt; die Arme müsste ja ersticken und sich in dieser drückenden Atmosphäre gefangen fühlen. Schau her, wie dieser Umhang jetzt flattert und wie man nun begreift, dass ein leichter Wind ihn bewegt! Vorher sah er aus wie ein gestärktes Tuch, das mit Nadeln festgesteckt ist. Merkst du, wie der schimmernde Satin, den ich ihr eben über die Brust gelegt habe, nun genau die glatte Geschmeidigkeit der Haut eines jungen Mädchens wiedergibt und wie der aus Rotbraun und gebranntem Ocker gemischte Farbton das kalte Grau dieser großen Schattenpartie erwärmt, wo vorher das Blut erstarrte, statt zu fließen.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.52

Orelie: Frenhofer ist mit seinem Malen zufrieden und kommt dann auf sein eigenes künstlerisches Schaffen zu sprechen.

Honoré de Balzac: „Das reicht noch nicht an meine Catherine Lescaut heran, aber man könnte immerhin seinen Namen unter ein solches Werk setzen. Ja, ich würde es signieren.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.56

Orelie: An seiner Catherine Lescaut malt Frenhofer seit zehn Jahren, und er gibt zu verstehen, dass er dabei der Natur immer mehr ungeahnte Dinge abgewinnt. Nicolas Poussin ist von Frenhofer sehr stark beeindruckt.

Honoré de Balzac: Dieser Alte mit den weißen Augen, aufmerksam und stumpfsinnig, war für ihn mehr als nur ein Mensch, er schien ihm ein wunderliches Genie zu sein, das in unbekannten Sphären lebte. Tausend wirre Gedanken weckte er ihm in der Seele. Das geistige Phänomen dieser Art von Faszination lässt sich ebensowenig bestimmen und darlegen wie die Erschütterung, die ein Lied auslösen kann, das den Verbannten an die Heimat erinnert. Was die reiche Einbildung Nicolas Poussins beim Anblick dieses übernatürlichen Wesens klar und deutlich zu erfassen vermochte, war ein vollständiges Bild der Natur des Künstlers, dieser verrückten Natur, der so viel Macht gegeben ist, die sie nur zu oft missbraucht, indem sie den kalten Vernunftmenschen, den wohlmeinenden Bürger und sogar manchen Kunstliebhaber über tausend steinige Wege führt, wo für jene nichts zu finden ist; die Künstlernatur indes, dieses weißgeflügelte Mädchen mit den närrischen Einfällen, entdeckt dort Heldenromane, Schlösser, Kunstwerke. Spöttisch und gütig, reich und arm zugleich ist diese Natur! So war für den begeisterten Poussin dieser Alte durch eine plötzliche, verklärende Wandlung die Kunst selbst geworden, die Kunst mit ihren Geheimnissen, ihrem Ungestüm und ihrer Traumverlorenheit.

Das unbekannte Meisterwerk, S.67-68

Orelie: Frenhofer hat seine Catherine Lescaut noch niemandem gezeigt. Er will sein Gemälde noch vervollkommnen. An was hat es ihm bisher noch gefehlt?

Honoré de Balzac: „Was mir bis jetzt gefehlt hat, ist, einer makellosen Frau zu begegnen, einem Körper, dessen Umriss von vollendeter Schönheit gewesen wäre, und dessen Fleisch und Blut … Aber wo gibt es sie lebendig, diese unauffindbare Venus der Alten, nach der wir so oft suchen und von deren Schönheit wir nur mit Mühe hier und da Bruchstücke antreffen?”

Das unbekannte Meisterwerk, S.68-69

Orelie: Nicolas Poussin, der sich nun genauso wie Porbus wünscht, Frenhofers Gemälde sehen zu können, kommt seine junge Geliebte Gillette in den Sinn, die dem Meister Modell stehen könnte. Zwar kommen ihm bei diesem Gedanken Zweifel, doch schließlich siegt die Kunst. Auch Gillette erklärt sich bereit, für Frenhofer Modell zu stehen. Ist Frenhofer bereit, sein Gemälde zu zeigen?

Honoré de Balzac: „Wie!” rief er endlich voll Schmerz aus, „ich soll mein Geschöpf, meine Gattin zeigen? Zehn Jahre lebe ich nun mit dieser Frau. Sie gehört mir, mir ganz allein. Sie liebt mich. Hat sie mich nicht angelächelt bei jedem Pinselstrich, den ich an ihr tat? Meine Malerei ist keine Malerei, sie ist ein Gefühl, eine Leidenschaft! Diese Frau ist kein Geschöpf, sie ist eine Schöpfung.” War Frenhofer bei Sinnen oder war er verrückt? War er beherrscht von einer Künstlerlaune oder entsprangen die von ihm vorgebrachten Gedanken jenem unaussprechlichen Fanatismus, den die langwierige Geburt eines großen Werkes in uns erzeugt? Konnte man hoffen, bei dieser seltsamen Leidenschaft zu einer Einigung zu gelangen?

Das unbekannte Meisterwerk, S.91-96

Orelie: Es kommt schließlich zu einer Einigung, da Gillettes Schönheit Frenhofer überzeugt. Sie tritt in sein Atelier ein, um für seine Catherine Lescaut Modell zu stehen. Nach einiger Zeit ruft er Probus und Poussin, die in das Atelier stürmen, um das Meisterwerk endlich sehen zu können. Frenhofer strahlt vor Freude und was sagt er?

Honoré de Balzac: „Mein Werk ist vollkommen, und ich kann es jetzt mit Stolz vorzeigen. Niemals wird ein Maler, werden Pinsel, Farben, Leinwand und Licht meiner Catherine Lescaut eine Rivalin schaffen. Auf so viel Vollkommenheit wart ihr wohl nicht gefasst! Ihr steht vor einer Frau und sucht doch ein Bild. Es ist so viel Tiefe auf dieser Leinwand, die Luft darauf ist so wirklich, dass ihr sie nicht mehr unterscheiden könnt von der Luft, die uns umgibt. Wo ist die Kunst? Verloren, verschwunden! Das da sind die tatsächlichen Formen eines jungen Mädchens. Habe ich nicht die Farbe, die Lebendigkeit der Linie, die den Körper zu begrenzen scheint, genau getroffen? Bewundert nur, wie sich die Konturen vom Hintergrund abheben! Scheint es nicht, als könntet ihr mit der Hand über diesen Rücken streichen? Dafür habe ich auch sieben Jahre lang die Wirkungen der Vermählung des Lichts mit den Dingen studiert. Und dieses Haar, ist es nicht vom Licht überflutet? Aber, ich glaube, jetzt hat sie geatmet! Dieser Busen, seht iht? Wer wollte sie nicht kniend anbeten? Das Fleisch wird lebendig. Gleich wird sie aufstehen, wartet.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.104-107

Orelie: Porbus und Poussin erkennen, dass das Meisterwerk nur in Fernhofers Kopf existiert. Der Meister hat zwar immer wieder von Neuem versucht, es zu malen, was die zahlreichen übermalten Farbschichten auf der Leinwand zeigen. Doch existiert sein Gemälde nur in der Vorstellung, die er von seinem Meisterwerk hat. Dennoch machen die beiden anwesenden Maler einen wunderbaren Fund auf dem Gemälde.

Honoré de Balzac: Wie sie nun näher herantraten, entdeckten sie in einer Ecke der Leinwand die Spitze eines nackten Fußes, die aus diesem Chaos von Farben, Tönen und unbestimmten Nuancen, dieser Art von Nebel ohne Form, hervorragte; aber was für ein köstlicher, was für ein lebendiger Fuß war das! Sie blieben starr vor Bewunderung angesichts dieses Fragmentes, das einer unglaublichen, einer langsamen und fortschreitenden Zerstörung entgangen war. Dieser Fuß kam dort zum Vorschein wie der Torso einer Venus aus parischem Marmor, der sich mitten aus den Trümmern einer vom Feuer zerstörten Stadt erhebt.

Das unbekannte Meisterwerk, S.109-110

Orelie: Frenhofer fährt fort, von seinen hohen Ansprüchen, die er an die Malerei stellt, zu sprechen und die er auf seiner Leinwand verwirklicht sieht.

Honoré de Balzac: „Man muss glauben, an die Kunst glauben, und man muss lange Zeit mit seinem Werk leben, um eine solche Schöpfung hervorzubringen. Einige dieser Schatten haben mich sehr viel Arbeit gekostet. Seht ihr, da auf der Wange, unterhalb der Augen, liegt ein leichter Halbschatten, der euch, wenn ihr ihn in der Natur beobachtet, nahezu unübersetzbar scheinen wird. Ja, glaubt ihr denn, es hätte mich nicht unsägliche Mühe gekostet, diese Wirkung hervorzubringen? Tretet nur näher heran, ihr seht dann diese Arbeit besser. Von fern betrachtet, ist sie nicht mehr sichtbar. Seht ihr? Da zum Beispiel, da ist sie, glaube ich, sehr bemerkenswert.”

Das unbekannte Meisterwerk, S.111,113

Orelie: Wie verhalten sich nun die beiden Maler?

Honoré de Balzac: Porbus klopfte dem Alten auf die Schulter, wandte sich dabei Poussin zu und sagte: „Wisst Ihr, dass wir ihn für einen sehr bedeutenden Maler halten?” „Er ist noch mehr Dichter als Maler”, entgegnete Poussin ernst. „Dort”, fuhr Porbus fort und berührte die Leinwand, „endet unsere Kunst auf Erden.” „Und von dort verliert sie sich in den Himmel”, sagte Poussin. „Wie viele Freuden auf diesem Stück Leinwand!” rief Porbus aus. „Aber früher oder später wird er doch merken, dass nichts auf seiner Leinwand ist”, rief Poussin aus.

Das unbekannte Meisterwerk, S.113-114

Orelie: Frenhofer schreckt aus seinen Gedanken auf. Nun zeigt sich seine Zerissenheit. Er nennt Poussin einen Lümmel und einen Halunken. Er bittet Porbus ihm beizustehen, was dieser tut. Dann kommt er ins Wanken und sagt, dass sein Meisterwerk, an dem er seit zehn Jahren gemalt hat, nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Zutiefst betrübt, beginnt er zu weinen. Aber im nächsten Augenblick wirft er den beiden Malern Neid vor und klagt sie an, ihm seine Catherine Lescaut stehlen zu wollen. Herr Balzac, wie endet Ihre Novelle?

Honoré de Balzac: Frenhofer bedeckte seine Catherine mit einem grünen Seidentuch; er tat es mit der ernsten Ruhe eines Juweliers, der seine Schubladen schließt, wenn er sich in Gesellschaft von abgefeimten Dieben glaubt. Er warf auf die beiden Maler einen abgründig düsteren Blick voll Verachtung und Argwohn, er setzte sie schweigend, doch mit krampfhafter Eile vor die Tür seines Ateliers. Dann, auf der Schwelle seiner Wohnung, sagte er zu ihnen: „Lebt wohl, meine kleinen Freunde.” Dieses Lebewohl erschreckte sie. Am folgenden Tag kehrte Porbus, von Unruhe getrieben, zurück, um nach Frenhofer zu sehen, und erfuhr, dass er in der Nacht gestorben war, nachdem er seine Bilder verbrannt hatte.

Das unbekannte Meisterwerk, S.117

Orelie: Herr Honoré de Balzac, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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