Interview: Friedrich Nietzsche – Ein Menschentypus

Christa, 16 juillet 2017

Orelie: Herr Friedrich Nietzsche, ich begrüße Sie herzlich zu diesem Gespräch. In Ihrer Philosophie entwickeln Sie die Idee des Übermenschen. Was wollen Sie als erstes hierzu sagen?

Friedrich Nietzsche: Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst ist, wo er die Regel „Mensch” vergessen darf, als deren Ausnahme: – den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte geradewegs auf diese Regel gestoßen wird, als Erkennender im großen und ausnahmsweisen Sinne.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2010, S.33

Orelie: Wer gehört zu diesen auserlesenen Menschen?

Friedrich Nietzsche: Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: – es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte dazu, aber ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist.

Jenseits von Gut und Böse, S.37

Orelie: Herr Nietzsche, Sie machen vor allem das Christentum dafür verantwortlich, dass der Mensch unfähig wurde, unabhängig sein zu können. Erläutern Sie das bitte?

Friedrich Nietzsche: Das Christentum hat einen Todkrieg gegen diesen höheren Typus Mensch gemacht, es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann getan, es hat aus diesen Instinkten das Böse, den Bösen herausdestilliert: – der starke Mensch als der typisch Verwerfliche, der „verworfene Mensch”. Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Missratnen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht; es hat die Vernunft selbst
der geistig stärksten Naturen verdorben, indem es die obersten Werte der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen empfinden lehrte.

Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, Versuch einer Kritik des Christentum, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1986, S.14

Orelie: Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen?

Friedrich Nietzsche: Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung für den Nächsten, die ganze Selbstentäußerungs-Moral erbarmungslos zur Rede stellen und vor Gericht führen.

Jenseits von Gut und Böse, S.41

Orelie: Sie, Herr Nietzsche, haben eine große Achtung vor dem Willen des Menschen, können Sie hierauf näher eingehen?

Friedrich Nietzsche: Ein Mensch, der will -, befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. „Freiheit des Willens”- das ist das Wort für jenen vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich mit dem Ausführenden als Eins setzt, – der als solcher den Triumph über Widerstände mit genießt, aber bei sich urteilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werkzeuge, der dienstbaren „Unterwillen”, oder Unter-Seelen – unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen – zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu.”

Jenseits von Gut und Böse, S.24-25

Orelie: Und welche Zukunftsperspektive sehen Sie für die Menschheit?

Friedrich Nietzsche: Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der Fortschritt ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. In einem andren Sinne gibt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Kulturen heraus, mit denen in der Tat sich ein höherer Typus darstellt; etwas, das im Verhältnis zur Gesamt-Menschheit eine Art Übermensch ist. Solche Glücksfälle des großen Gelingens waren immer möglich und werden vielleicht immer möglich sein.

Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, Versuch einer Kritik des Christentum, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1986, S.13-14

Orelie: Herr Friedrich Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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