Interview: Lou Andreas-Salomé – Lebensgemeinschaft zu dritt

Christa, 30 avril 2017

Orelie: Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salomé, ich begrüße Sie herzlich zu diesem Gespräch. Wir wollen in diesem von zwei Menschen sprechen, denen Sie viel Zuneigung entgegenbrachten. Es handelt sich um Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Sie scheuten sich dabei nicht, ein von Nietzsche vorgeschlagenes Zusammenleben zu dritt zu wagen. Damit setzten Sie sich über geltende gesellschaftliche Prinzipien hinweg. Können Sie Gründe für Ihre Entscheidung nennen?

Lou Andreas-Salomé: Ich kann weder Vorbildern nachleben, noch werde ich jemals ein Vorbild darstellen können. Hingegen mein eigenes Leben nach mir selber bilden, das werde ich ganz gewiss, mag es nun damit gehen wie es mag. Damit habe ich ja kein Prinzip zu vertreten, sondern etwas viel Wundervolleres, – etwas, das in Einem selber steckt und ganz heiß von lauter Leben ist und jauchzt und heraus will.

Lou Andreas-Salomé, Lebensrückblick, Verlag tredition, Hamburg, S.63

Orelie: Paul Rée lernten Sie 1882 in Rom kennen, wo Sie mit Ihrer Mutter in einer Pension wohnten. Wie verliefen ihre Begegnungen mit Rée?

Lou Andreas-Salomé: Täglich fanden unsere eifrigen Unterredungen erst ihr Ende beim Nachhausegehn auf Umwegen in die Pension, wo meine Mutter mit mir abgestiegen war. Diese Gänge durch die Straßen Roms im Mond- und Sternenschein brachten uns einander bald so nahe, dass sich in mir ein wundervoller Plan zu entwickeln begann, wie wir dem Dauer verleihen könnten, auch nachdem meine Mutter, die mich von Zürich nach dem Süden zur Erholung gebracht hatte, heimgereist sein würde. Zwar benahm sich Paul Rée zunächst völlig falsch, indem er, zu meinem zornigen Leidwesen, meiner Mutter einen ganz andern Plan – einen Heiratsplan – unterbreitet hatte, der ihre Einwilligung zu dem meinen endlos erschwerte. Voerst musste ich nun erst ihm selber plausibel machen, wozu mein für Lebenszeit abgeschlossenes Liebesleben und wozu mein total entriegelter Freiheitsdrang mich veranlassten.

Lebensrückblick, S.61

Orelie: Friedrich Nietzsche kam kurze Zeit später auch nach Rom, welche Entwicklung nahm daraufhin Ihre Freundschaft mit Paul Rée?

Lou Andreas-Salomé: Das noch Unerwartetere geschah, dass Nietzsche, kaum hatte er von Paul Rées und meinem Plan erfahren, sich zum Dritten im Bunde machte. Sogar der Ort unserer künftigen Dreieinigkeit wurde bald bestimmt, das sollte ursprünglich für eine Weile Wien, dann Paris sein.

Lebensrückblick, S.64

Orelie: Warum kam es zu ersten Komplikationen in Ihrer Dreier-Beziehung?

Lou Andreas-Salomé: Nietzsche machte Rée zum Fürsprecher bei mir für einen Heiratsantrag? Sorgenvoll überlegten Paul Rée und ich, wie das am besten beizulegen sei, ohne unsere Dreieinigkeit zu gefährden. Es wurde beschlossen, Nietzsche vor allem meine grundsätzliche Abneigung gegen alle Ehe überhaupt klarzulegen, außerdem aber auch den Umstand, dass ich nur von der Generalspension meiner Mutter lebe und überdies durch Verheiratung meiner eigenen kleinen Pension verlustig gehe, die einzigen Töchtern des russischen Adels bewilligt war.

Lebensrückblick, S.65

Orelie: Gab sich Nietzsche mit Ihren Erklärungen zufrieden, und war das Problem somit aus der Welt geschafft?

Lou Andreas-Salomé: Als wir Rom verließen, schien das zunächst erledigt; in letzter Zeit litt Nietzsche überdies vermehrt an der Krankheit, wegen derer er sich einstmals seiner Baseler Professur hatte entledigen müssen und die sich anließ wie eine furchtbar übersteigerte Migräne.

Lebensrückblick, S.64

Orelie: Ich erinnere mich vor allem an die bekannte Fotoaufnahme, bei der Sie in dem kleinen Leiterwagen stehen, der quasi von Nietzsche und Rée gezogen wird. Können Sie etwas zu diesem Foto sagen?

Lou Andreas-Salomé: Nietzsche betrieb die Bildaufnahme von uns Dreien, trotz heftigem Widerstreben Paul Rées, der lebenslang einen krankhaften Abscheu vor der Wiedergabe seines Gesichts behielt. Nietzsche, in übermütiger Stimmung, bestand nicht nur darauf, sondern befasste sich persönlich und eifrig mit dem Zustandekommen von den Einzelheiten – wie dem kleinen, zu klein geratenen, Leiterwagen, sogar dem Kitsch des Fliederzweiges an der Peitsche usw.

Lebensrückblick, S.65-66

Orelie: Das Zustandekommen einer Lebensgemeinschaft zu dritt blieb eine Illusion. Nietzsche kehrte nach Basel zurück, und Paul Rée begleitete Sie und Ihre Mutter nach Zürich. Sie begegneten sich alle drei noch einmal in Leipzig. Wie empfanden Sie das Wiedersehen?

Lou Andreas-Salomé: Es war nicht mehr ganz so wie anfangs, obwohl unsere Wünsche für unsere gemeinsame Zukunft zu Dritt noch feststanden. Wenn ich mich frage, was meine innere Einstellung zu Nietzsche am ehesten zu beeinträchtigen begann, so war das die zunehmende Häufung solcher Andeutungen von ihm, die Paul Rée bei mir schlecht machen sollten. Erst nach unserm Abschied von Leipzig brachen dann Feindseligkeiten auch gegen mich aus, Vorwürfe hassender Art.

Lebensrückblick, S.69

Orelie: Sie und Paul Ree zogen sich deshalb von Nietzsche zurück. Wie reagierte Nietzsche auf diese Tatsache?

Lou Andreas-Salomé: Was später folgte, schien Nietzsches Wesen und Würde dermaßen widersprechend, dass es nur fremdem Einfluss zugeschrieben werden kann. So, wenn er Rée und mich gerade den Verdächtigungen preisgab, deren Haltlosigkeit er selbst am besten kannte. Aber das Hässliche aus dieser Zeit wurde mir durch Paul Rées Fürsorge einfach unterschlagen; sogar scheint es, dass Briefe von Nietzsche an mich nie zu mir gelangt sind, die mir unbegreifliche Verunglimpfungen enthielten.

Lebensrückblick, S.69

Orelie: Sie schrieben in späteren Jahren ein Buch über Friedrich Nietzsche. Was wollten Sie in diesem zum Ausdruck bringen?

Lou Andreas-Salomé: Mein Buch Friedrich Nietzsche in seinen Werken schrieb ich noch voller Unbefangenheit, nur dadurch veranlasst, dass mit seinem eigentlichen Berühmtsein gar zu viele Literatenjünglinge sich seiner missverständlich bemächtigten; mir selbst war ja erst nach unserem persönlichen Verkehr das geistige Bild Nietzsches recht aufgegangen an seinen Werken; mir war an nichts gelegen als am Verstehen der Nietzschegestalt aus diesen sachlichen Eindrücken heraus. Und so, wie mir sein Bild – in der reinen Nachfeier des Persönlichen – aufging, sollte es vor mir stehenbleiben.

Lebensrückblick, S.70

Orelie: Frau Lou Andreas-Salomé, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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