Interview: Lou Andreas-Salomé – Meine Ehe

Christa, 19 mars 2017

Orelie: Guten Tag, Frau Lou Andreas-Salomé, ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung zu diesem Gespräch gefolgt sind. Sie kamen am 12. Februar 1861 nach fünf Brüdern als letztes Kind ihrer Eltern auf die Welt. Ihr geliebter Vater starb, als Sie sechzehn Jahre alt waren. Welche Erinnerung haben Sie an ihn?

Lou Andreas-Salomé: Mein Vater hatte sich nach den fünf Buben leidenschaftlich ein kleines Mädchen gewünscht, während Muschka lieber das männliche Halbdutzend voll gemacht hätte. In alten Briefen meines Vaters an meine Mutter hatte ich nach seinem Tode eine Nachschrift gelesen: „Küsse mir unser kleines Mädchen” und einmal auch: „Denkt sie wohl ab und zu noch an ihren alten Papa?” Erinnerungen überfielen mich heiß.

Lou Andreas-Salomé, Lebensrückblick, Verlag tredition, Hamburg, S.36

Orelie: Wie empfanden Sie die Beziehung zwischen Ihrer Mutter und Ihrem Vater?

Lou Andreas-Salomé: Untereinander verstanden die Eltern sich wortlos, ungeachtet ihrer starken Unterschiedenheit voneinander – ausgenommen die gleiche Stärke ihres Temperaments und ihres Glaubens; in unentwegter Anpassung hielten sie sich die tiefste Liebestreue.

Lebensrückblick, S.39

Orelie: Sie selbst wollten keine Ehe eingehen. Wie stand Ihre Mutter zu diesem Entschluss ?

Lou Andreas-Salomé: Enttäuschte diese Tochter sie dadurch schon, dass sie nicht als Sohn zur Welt gekommen war, so hätte sie doch nun mindestens einem Tochterideal der Mutter zustreben sollen – und tat so sehr das Gegenteil. Aber sogar während der Zeit, wo die Mutter am bittersten darunter litt, weil es am krassesten gegen die damaligen gesellschaftlichen Sitten verstieß, machte Muschka das still mit sich selber ab: unverbrüchlich zu mir haltend der Welt gegenüber; voller Gram, doch auch voll Vertrauen; den Anschein weckend, dass wir uns absolut verständen, denn dies schien ihr das Wichtigste, was zu tun war, um keine feindlichen Missdeutungen gegen mich aufkommen zu lassen.

Lebensrückblick, S.43

Orelie: Es kam dennoch zu einer Ehe zwischen Ihnen und dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der Sie allerdings zu dieser Ehe zwang, indem er sich vor ihren Augen ein Messer in die Brust stieß. Wollen Sie über dieses tragische Ereignis sprechen?

Lou Andreas-Salomé: Später fiel mir oft ein, wie am Vorabend vor unserer Verlobung beinahe ein trügerischer Schein des Mörderischen auf mich hätte fallen können. Mein Mann trug, für abendliche Heimgänge in seine damals sehr entlegene Wohnung, ein kurzes, schweres Taschenmesser bei sich. Es hatte auf dem Tisch gelegen, an dem wir uns gegenüber saßen. Mit einer ruhigen Bewegung hatte er danach gegriffen und es sich in die Brust gestoßen. Als ich, halb von Sinnen auf die Straße stürzend, von Haus zu Haus nach dem nächsten Wundarzt auf der Suche, von eilig mit mir Gehenden über den Unfall befragt wurde, hatte ich geantwortet, jemand sei in sein Messer gefallen. Während der Arzt den auf den Boden gesunkenen Bewusstlosen untersuchte, machten ein paar Silben und seine Miene mir seinen Verdacht deutlich, wer hier das Messer gehandhabt haben mochte. Zweifelhaftes blieb ihm, er benahm sich aber in der Folge diskret und gütig.

Lebensrückblick, S.168-169

Orelie: Sie trugen keinen Ehering und verweigerten Ihrem Mann die körperliche Liebe. Wie war da ein Zusammenleben möglich?

Lou Andreas-Salomé: Nach Monaten schmerzvoller Gemeinsamkeit und dazwischen hinlaufenden Trennungen, die das Alleinsein zu zweien vermeiden halfen, war der neue Standpunkt festgelegt. Von einer Scheidung nach außen konnte wie bisher auch jetzt keine Rede sein, und es war wie nichts anderes charakteristisch für meines Mannes Denkungsart, dass, was ihm dies ausschloss, weder in einer Hoffnung für die Zukunft gelegen war, noch in einer Ansicht über irgendwelche irrige Maßnahmen im Vergangenen, die noch korrigierbar hätten sein können, sondern das Festgelegtsein auf ein trotz allem unumstößlich Wirkliches, Vorhandenes. So bleibt mir der Augenblick eingeprägt für immer, wo er sagte: „Ich kann nicht aufhören zu wissen, dass Du meine Frau bist.”

Lebensrückblick, S.174

Orelie: Auch verliebten Sie sich häufig und fanden bei Ihren Partnern Gegenliebe. Wie reagierte Ihr Mann darauf?

Lou Andreas-Salomé: Einmal, in einer herzbewegenden Stunde, hatte ich an meinen Mann die Frage gerichtet: „Darf ich Dir sagen, was mir inzwischen geschah -?” Rasch, ohne zu zögern oder einer Sekunde Raum für einen weiteren Laut zu lassen, hatte er geantwortet: „Nein.” So wölbte sich über uns und dem, was wir miteinander teilten, ein hohes, unverbrüchliches Schweigen, aus dem wir nie herausgetreten sind.

Lebensrückblick, S.174

Orelie: Und Sie, hätten Sie Ihrem Mann eine Geliebte gegönnt?

Lou Andreas-Salomé: Wer konnte sich auch denken, mit welcher Inbrust ich zu jeder Zeit meines Lebens meinem Mann, wie einen beglückenden Aufbau zu Weihnachten, eine Frau oder die liebste, beste, schönste Geliebte zugedacht hätte. Unser Schweigen zueinander würde es nur haben verdeckt gehalten, was sich ereignen könnte, aber nie hörten meine Wünsche auf, es zu begleiten.

Lebensrückblick, S.175

Orelie: Was dachte man in Ihrem sozialen Umfeld über Ihre Ehe?

Lou Andreas-Salomé: Bei unserer Gewohnheit zurückhaltenden geselligen Verkehrs mochte man sich Gedanken über uns machen, die wir nicht kannten; vielleicht nahm die menschliche Welt wie sie ist an, entweder sei mein Mann mir untreu geworden, oder ich ihm?

Lebensrückblick, S.175

Orelie: Gab es etwa, das Sie an Ihrem Mann besonders schätzten?

Lou Andreas-Salomé: In der Mitfreude daran lebte mehr als nur Güte, wie stark diese auch daraus sprechen mag. Die Fähigkeit zum Sichmitfreuen, dieser hervorstechendste Zug seiner Menschlichkeit, bedeutete ihm stets ein Erfassen des Andern als seinesgleichen: ein Erfassen des in Beiden gleichen wesentlichsten Urgrundes.

Lebensrückblick, S.179

Orelie: Frau Lou Andreas-Salomé, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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