Interview: Helene Lange – Die Frauenbewegung

Christa, 26 février 2017

Orelie: Guten Tag, Frau Helene Lange. Es freut mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind, in dem wir der Frage der Frauenbewegung nachgehen wollen. Die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts waren von einer zunehmenden Bevölkerungszahl, einer rasanter werdenden Industrialisierung und so mancher Veränderung in der Arbeitswelt geprägt. Wie wirkte sich das auf die Frauenbewegung aus?

Helene Lange: Es war nicht nur die Lehrerinnenfrage, die anfangs der neunziger Jahre zu Neugestaltungen drängte: das ganze Gebiet der Frauenfrage war unter andere Bedingungen gestellt als bisher. In weit größerem Umfang und in größerer Deutlichkeit erkannt, nehmen Schutzfragen, Ausbildungs-, Lohn- und Organisationsfragen, die Beziehungen zwischen männlicher und weiblicher Lohnarbeit, das Problem von Beruf und Mutterschaft die Aufmerksamkeit in Anspruch.

Helene Lange, Lebenserinnerungen, F. A. Herbig G.m.b.H., Berlin, 1930, S.197

Orelie: Welche Konsequenzen hatten diese Entwicklungen, auch in Hinsicht auf Ihre Arbeit?

Helene Lange: Diese Fülle der Probleme war nicht mehr durch eine Organisation zu bewältigen. Es entstanden die großen Berufsvereine; wie die Lehrerinnen, so schlossen sich auch die Künstlerinnen, die kaufmännischen Angestellten unter anderen zusammen. Das einfache Programm der Frauenbewegung musste sich spezialisieren; so zwang es die Fülle flutenden Lebens nun ihrerseits zur Aufnahme immer neuer Forderungen, die aber immer wieder von einem geistigen Zentrum aus beherrscht und gestaltet werden mussten. Es entsprach dem Geist des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, dass ihm nach wie vor die Bildungsfragen als das Zentrale erschienen.

Lebenserinnerungen, S.197

Orelie: 1894 war der Bund Deutscher Frauenvereine gegründet worden. Soweit ich weiß, wurde in diesem oftmals die Frage hinsichtlich der politisch engagierten Frauen aufgeworfen. Können Sie darauf eingehen?

Helene Lange: Die Frage, die zu den lebhaftesten Auseinandersetzungen führte, war die Stellung zu den der Sozialdemokratie angeschlossenen Frauen. Die hundertmal auseinandergesetzte Auffassung der sozialdemokratischen Frauen war, dass es neben der Klassenbewegung des Proletariats, in der die Frau Schulter an Schulter mit dem Mann kämpfte, eine besondere Frauenbewegung nicht zu geben brauche. Die Frauenbewegung sei der Natur der Sache nach auf das Bürgertum beschränkt. Aus diesem Grunde lehnten die sozialdemokratischen Frauen ein Zusammengehen mit der neutralen Frauenbewegung konsequent ab. Ich fand, man sollte diesen Standpunkt in seiner starken inneren Begründung respektieren.

Lebenserinnerungen, S.221-223

Orelie: Es gab aber auch innerhalb des Bundes Deutscher Frauenvereine Gruppierungen, die politisch aktiv waren. Worin bestanden die Unterschiede und wie standen Sie persönlich zu diesen Frauen, die Sie als radikal einstuften?

Helene Lange: Sie wollten politische Erfolge mit politischen Mitteln, sie wollten mit Demonstrationen in die Breite wirken, maßen den Wert ihrer Kundgebungen nach dem Gewicht der Zeitungsausschnitte, die sich mit ihnen beschäftigten. Es vollzog sich die Umwandlung einer erziehlichen in eine politische Bewegung. Hier war ein tiefer Gegensatz der Temperamente, der sich um so weniger überbrücken ließ, je rücksichtsloser sich die Kritik der Radikalen gegen die älteren Führerinnen richtete. Es wäre übrigens falsch, in irgendwelchem Sinne die Bezeichnung „jüngere Richtung”, die sie sich beilegten, auf die Jahre ihrer Trägerinnen zu beziehen. Die Radikalen verfügten keineswegs in Führung und Gefolgschaft über mehr Jugend. Ich kann persönlich nur sagen, dass ich gegen diese Veräußerlichung der Frauenbewegung eine starke innere Abneigung fühlte, dass ich die Gefahren der neuen Methoden für viel schwerwiegender hielt als den allenfalls möglichen äußeren Erfolg, dass mir der unbedenkliche Dilettantismus, mit dem die schwierigsten Dinge in ein paar Formeln gepresst wurden, in tiefster Seele widerstand.

Lebenserinnerungen, S.224-225

Orelie: Es war Ihnen und Ihren Mitstreiterinnen aber durchaus bewusst, dass die Arbeiterinnenfrage innerhalb der Frauenbewegung von größter Wichtigkeit war, wie sollte hierbei vorgegangen werden?

Helene Lange: Im Bund Deutscher Frauenvereine wurde eine Kommission für die Arbeiterinnenfragen gegründet, in der die sozialpolitischen Fragen der Frauenbewegung ihre dauernde Bearbeitung fanden. Leider gelang es nicht, Vertreterinnen der Arbeiterinnen selbst mir heranzuziehen. Trotzdem war die organisierte Frauenbewegung sozialpolitisch in einer Zeit lebhaftester bürgerlicher Feindseligkeit gegen die Sozialdemokratie durch einen stark sozialistischen Zug – nicht im Parteisinne, aber in der allgemeinen Einstellung zu gesellschaftlichen Fragen- geprägt und hat, indem sie ihn zur Geltung brachte, viele Klassenvorurteile überwunden.

Lebenserinnerungen, S.229-230

Orelie: Frau Lange, möchte Sie abschließend noch etwas sagen?

Helene Lange: Ich bin häufig gefragt worden, warum ich so wenig für Zeitungen und Männerblätter, sondern fast ausschließlich für Frauenblätter geschrieben habe. Die Antwort ist sehr einfach: mir hat verhältnismäßig wenig daran gelegen, Reformen von außen herbeeizuführen. Das Einzige, was dauernden Erfolg verspricht ist: den entschiedenen Willen der Frauen dafür zu gewinnen, nicht länger als Vergewaltigte eines Systems zu leben, dem Güter und Macht mehr gelten als die Pflege des einzelnen Lebens und die Mehrung der sittlichen Werte. Wenn die Frauen in ihren verantwortlichen Schichten erst von diesem sittlichen Willen ganz durchdrungen sind, dann werden sie sich durchsetzen, auch wenn sie den Widerstand breiter Männerschichten gegen sich haben. Denn die ganze Frauenbewegung hat gezeigt: die geistige Kraft ist das Entscheidende, nicht das äußerlich zugestandene Arbeitsfeld; das erringt sie sich schließlich selbst.

Lebenserinnerungen, S.273-274

Orelie: Frau Helene Lange, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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