Interview: Helene Lange – Frauenbildung

Christa, 22 janvier 2017

Orelie: Guten Tag, Frau Helene Lange, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind. Sie hatten verschiedene Lehrtätigkeiten hinter sich, als Sie 1877 in den Vorstand des Berliner Vereins deutscher Lehrerinnen aufgenommen wurden, und dort an der Kommission mitwirkten, die für den Aufbau höherer Töchterschulen zuständig war. Was taten Sie als erstes?

Helene Lange: Ich fing an zu vergleichen. Von Amerika wusste ich, dass Knaben- und Mädchbildung genau die gleiche sei und die Zahl der Lehrerinnen die der Lehrer weit überstieg. In Frankreich hatte man nach dem siebziger Krieg die lebhafte Empfindung, dass die Hebung des ganzen Volkes mit der Hebung seiner Frauen im engsten Zusammenhang stehe; diese Erkenntnis hatte 1880 bewirkt, die den höheren Knabenschulen gleichwertigen Mädchenlyzeen zur Seite zu stellen. In England war schon Anfang der siebziger Jahre das Universitätsstudium der Frau Tatsache geworden.

Helene Lange, Lebenserinnerungen, F. A. Herbig G.m.b.H., Berlin, 1930, S.131

Orelie: Sie befürworteten, dass vor allem Frauen an den höheren Mädchenschulen unterrichten sollten, auch deswegen, weil Sie in Hinsicht auf die Frau eine andere Meinung als die der Oberlehrer vertraten, die vorwiegend an diesen Schulen Unterricht erteilten. Können Sie das verdeutlichen?

Helene Lange: Was das Problem verdunkelte, waren die Jongleurkünste, die mit dem Begriff „weibliche Eigenart” betrieben wurden. Gerade dieses Wort führten die Mädchenschulpädagogen ja stets im Munde. Aber sie verstanden etwas ganz anderes darunter als wir. Es lag ihnen der Wunsch sehr fern, wirklich die starke, gestaltende, ihrer selbst sichere Sonderart der Frau sich neben der des Mannes entwickeln, die Frau Ansprüche erheben zu sehen. Ihnen war die sich anschmiegende, rein empfangende, schutzbedürftige, lenksame, sich unterwerfende Frau der eigentliche Geschlechtstyp.

Lebenserinnerungen, S.132

Orelie: Im November 1887 reichten Sie und Ihre Mitstreiterinnen beim Preussischen Kulturministerium und Abgeordnetenhaus eine Petition ein, die sogenannte Gelbe Broschüre. Was waren die wesentlichen Punkte?

Helene Lange: Es wird sich darum handeln, den Lehrerinnen, die für ihre Aufgabe nötige gründliche Bildung zu vermitteln. Am eingehendsten setzt sich die Schrift mit der Behauptung auseinander, dass gründliches Wissen unweiblich mache. Was lehrt in dieser Beziehung die Erfahrung? Sie lehrt zunächst, dass bei gründlichem Studium sehr häufig die Eigenschaften verschwinden, die Männer als spezifisch weibliche bezeichnen: die Kleinlichkeit, der Mangel an Logik, der enge geistige Horizont, die Unselbständigkeit, die Unentschiedenheit des Urteils.

Lebenserinnerungen, S.150

Orelie: Wie wurde die Gelbe Broschüre in der Presse aufgenommen?

Helene Lange: Das Urteil der Tagespresse war, mit wenigen Ausnahmen, zustimmend. Die Misstände wurden allgemein als solche empfunden und die Vorschläge zu ihrer Abstellung nicht abgelehnt, vielfach sogar direkt unterstützt. In den Kreisen der Mädchenlehrer dagegen erhob sich weithin ein Sturm der Entrüstung, der sich in Zeitschriften und eigenen Broschüren Luft machte.

Lebenserinnerungen, S.153

Orelie: Einige Zeit später, die Sie in keinster Weise ungenutzt ließen und in denen Sie sich weiter für die Bildung der Mädchen einsetzten, kam es 1890 zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins. Können Sie etwas zu den Grundlagen seiner Satzung sagen?

Helene Lange: Aus dem Beruf, den so manche aus Not ergriffen hatte, war der Dienst der Idee geworden. Wir empfanden damals zum ersten Mal als Zusammengehörige, als Schicht, was einzelne schon lange empfunden hatten. Wir lieben unseren Beruf, wir freuen uns seiner, wir fühlen, dass wir einem Stande angehören und in ihm eine der wichtigsten Kulturaufgaben zu erfüllen haben.

Lebenserinnerungen, S.191

Orelie: Bei seiner Gründung bestand der Verein aus fünfundachtzig Lehrerinnen. Können Sie noch etwas über seine Weiterentwicklung sagen?

Helene Lange: Erst 1897, als wir schon über 10.000 Mitglieder in etwa 60 Vereinen zählten, haben wir zum ersten Mal in der Großstadt Leipzig getagt, innerlich und äußerlich stark genug, um uns in unserer Eigenart zu behaupten. Es haben sich später selbstverständlich auch auf dem Boden unseres Vereins die üblichen Kämpfe abgespielt, die großen Organisationen in ihrem Werdegang nie erspart bleiben und auch bei uns gelegentlich unerquicklichen Charakter annahmen. Aber immer wieder ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gefühl des gemeinsamen Dienstes einer Idee über Sondergelüste und Zwiespältigkeit Herr geworden. Aus den 85 wurden über 40.000. Auf dem Gebiet des Lehrerinnenwesens und der Mädchenschule ist nichts geschehen, worauf der Verein nicht bedeutsamen Einfluss gehabt hätte.

Lebenserinnerungen, S.193

Orelie: Frau Helene Lange, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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