Interview: Nietzsche – Die Ideale

Christa, 18 décembre 2016

Orelie: Guten Tag Herr Friedrich Nietzsche, ich freue mich, dass Sie zu diesem Gespräch gekommen sind. Wir wollen in diesem über die Ideale sprechen. Sie schreiben in Menschliches, Allzumenschliches, dass Sie sich von den Idealen losgelöst haben. Können Sie das erläutern?

Friedrich Nietzsche: „Menschliches, Allzumenschliches” ist das Denkmal einer Krisis. Es heißt sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt einen Sieg aus – ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der Titel sagt „wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich – Menschliches, ach nur Allzumenschliches!”

Friedrich Nietzsche, Ecce homo, Wie man wird, was man ist – Ecce homo, Comment on devient ce que l‘on est, Editions Gallimard, folio bilingue, 1977,2012, S.210

Orelie: Was werfen Sie den Idealen eigentlich vor?

Friedrich Nietzsche: Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über die Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden. Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an.

Ecce Homo, S. 26,30

Orelie: Und welchen Stellenwert erhält hierbei die Moral?

Friedrich Nietzsche: Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rotem Lichte, bald mit grünem Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend und bunt überflutend: so sind wir modernen Menschen, Dank der komplizierten Mechanik unsres „Sternenhimmels” – durch verschiedene Moralen bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in verschiedenen Farben, sie sind selten eindeutug, – und es gibt genug Fälle, wo wir bunte Handlungen tun.

Jenseits von Gut und Böse, S.132

Orelie: Kommen wir auf das Gewissen zu sprechen, wie sehen Sie dieses?

Friedrich Nietzsche: Es ist mir gänzlich entgangen, inwiefern ich „sündhaft” sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist. Ich möchte nicht eine Handlung hintendrin im Stich lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen grundsätzlich aus der Wertfrage wegzulassen. Man verliert beim schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man tat: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art „böser Blick”. Etwas, das fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug – das gehört eher schon zu meiner Moral.

Ecce homo, S. 82,84

Orelie: Sie fühlen sich Ihrer Zeit weit voraus und bezeichnen sich als die Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts. Was befürworten diese Menschen?

Friedrich Nietzsche: Wir Europäer von Übermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts, – mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und Kunst der Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam versüßten Grausamkeit in Geist und Sinnen, – wir werden vermutlich, wenn wir Tugenden haben sollten, nur solche haben, die sich mit unsren heimlichsten und herzlichsten Hängen, mit unsern heißesten Bedürfnissen am besten vertragen lernten.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Reclam Universal-Bibliothek, Stuttgart, 2010, S.131

Orelie: Herr Friedrich Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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