Interview: Flaubert – Madame Bovary

Christa, 31 octobre 2016

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Orelie: Guten Tag, Herr Gustave Flaubert, ich begrüße Sie herzlich zu diesem Gespräch, das wir Ihrem Roman Madame Bovary widmen wollen. Der Landarzt Charles Bovary heiratet ein Mädchen namens Emma, das bei den Ursulinen erzogen worden war. Wie ist ihm zumute?

Gustave Flaubert: Was hatte er bisher schon Gutes gehabt im Leben? Seine Zeit im Collège, wo er eingeschlossen war zwischen den hohen Mauern, allein unter seinen Kameraden, die reicher oder im Unterricht besser waren als er, die ihn wegen seiner Aussprache verlachten, die über seine Kleider spotteten? Oder später, als er Medizin studierte und nie genug Geld im Beutel hatte, um irgendeine kleine Arbeiterin zum Kontertanz einzuladen, die seine Liebste geworden wäre? Danach hatte er vierzehn Monate mit der Witwe gelebt, deren Füße im Bett kalt waren wie Eis. Doch jetzt besaß er fürs ganze Leben diese hübsche Frau, die er anbetete.

Gustave Flaubert, Madame Bovary, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2014, S.50

Orelie: Und wie empfindet Emma kurze Zeit nach der Heirat ihre Ehe?

Gustave Flaubert: Während im gemeinsamen Leben die Vertrautheit enger wurde, kam es zu einer inneren Loslösung, die sie von ihm trennte. Musste ein Mann denn nicht alles wissen, in mannigfaltigsten Dingen brillieren, einen vertraut machen mit den Wirkungskräften der Leidenschaft, mit den Feinheiten des Lebens, mit jedem Geheimnis? Der da hingegen lehrte einen nichts, konnte nichts, wollte nichts. Er hielt sie für glücklich; und sie zürnte ihm wegen dieser soliden Ruhe, dieser heiteren Schwerfälligkeit, ja sogar wegen des Glücks, das sie ihm schenkte.

Madame Bovary, S.60

Orelie: Madame Bovary sehnt sich nach einem bewegten Leben und flüchtet in eine Scheinwelt, indem sie Zeitschriften abonniert und sich ins Lesen von Romanen stürzt. Schließlich ist ihr Mann bereit, nach Yonville, einen kleinen Ort in der Nähe von Rouen zu ziehen. Sie bekommen ein Kind, ein Mädchen, das den Namen Berthes erhält, aber dieser Umstand ändert nichts an ihrem Leben, das sie nicht erfüllt. Bei dem Notar von Yonville arbeitet ein junger Kanzlist, Léon Dupuis, der sich ebenfalls langweilt, und was ist daher nicht verwunderlich?

Gustave Flaubert: Sie war verliebt in Léon und suchte die Einsamkeit, um sich genüsslicher an seinem Bild zu weiden. Der Anblick seiner Gestalt störte die Lust an dieser Grübelei. Emma erbebte beim Geräusch seiner Schritte, stand er ihr dann gegenüber, verflog die Erregung, zurück blieb nur grenzenlose Verwunderung und am Ende Traurigkeit. Léon wusste nicht, wenn er verzweifelt von ihr fortging, dass sie hinter ihm aufstand, um ihn auf der Straße zu sehen.

Madame Bovary, S.146

Orelie: Léon fasst als einzigen Ausweg den Entschluss, nach Paris zu gehen. Wie wirkt sich seine Abwesenheit auf Madame Bovary aus?

Gustave Flaubert: Von nun an wurde der Gedanke an Léon zum Mittelpunkt ihrer Langeweile. Doch mit der Zeit loderten die Flammen weniger hoch. Sie hatte Stimmungen. Häufig änderte sie ihre Frisur. Sie wollte Italienisch lernen: sie kaufte Wörterbücher, eine Grammatik, einen Vorrat von weißem Papier. Sie versuchte sich an ernster Lektüre, Geschichte und Philosophie. Sie war gleichmäßig blass, weiß wie ein Leintuch. Oft hatte sie Schwächeanfälle. Eines Tages spuckte sie sogar Blut.

Madame Bovary, S.168-169

Orelie: Bei einer Landwirtschaftsausstellung lernt Madame Bovary den Lebemann Rodolphe Boulanger kennen. Was können Sie über diesen Herrn sagen?

Gustave Flaubert: Monsieur Rodolphe Boulanger war vierunddreißig; er hatte einen rohen Charakter und einen scharfen Verstand, pflegte regen Umgang mit Frauen und war darin äußerst versiert.

Madame Bovary, S.175

Orelie: Rodolphe Boulanger macht Emma ein Liebesgeständnis und sie hört Worte, die sie bisher nur in Büchern gelesen hatte. Bald darauf reiten sie gemeinsam aus, was empfindet Madame Bovary nach ihrer Rückkehr?

Gustave Flaubert: Es war zunächst wie ein Taumel; sie konnte die Bäume sehen, die Wege, die Gräben, Rodolphe, und sie spürte noch seine Umarmungen. Doch als sie ihr Gesicht im Spiegel erblickte, war sie überrascht. Nie zuvor waren ihre Augen so groß gewesen, so schwarz, so tiefgründig. Etwas Hauchzartes auf ihrer ganzen Gestalt hatte sie verwandelt. Immer wieder sagte sie: „Ich hab einen Geliebten!”

Madame Bovary, S.215

Orelie: Wie ist es nach sechs Monaten um Emmas Liebesbeziehung bestellt?

Gustave Flaubert: Sie wusste nicht, ob es sie reute, dass sie ihm nachgegeben hatte, oder ganz im Gegenteil, ob sie nicht wünschte, ihn noch inniger zu lieben. Das demütigende Gefühl der eigenen Schwäche wurde zu Groll, den nur die Lust milderte. Es war nicht Anhänglichkeit, es war wie eine ständige Verführung. Es beherrschte sie. Fast machte ihr das Angst. Nach außen jedoch war alles friedlicher denn je, Rodolphe war es gelungen, den Ehebruch nach seinen Vorstellungen zu lenken; und sechs Monate später standen sie zueinander wie zwei Eheleute, die in aller Ruhe ihre häusliche Flamme nähren.

Madame Bovary, S.226

Orelie: Madame Bovary möchte schließlich nur noch mit Rodolphe zusammenleben, der Pässe besorgen soll, damit sie zusammen entfliehen können. Wie entscheidet sich Rodlphe nach einigem Hin und Her?

Gustave Flaubert: „Was bin ich für ein Esel!” sagte er und fluchte gotterbärmlich. „Einerlei, sie war eine hübsche Geliebte!” Und sogleich stand Emmas Schönheit, samt all den Vergnügungen dieser Liebe, wieder vor seinen Augen. Zunächst spürte er Rührung, dann empörte er sich gegen sie. „Was soll das”, rief er gestikulierend, „ ich kann doch nicht die Heimat verlassen, mir ein Kind aufhalsen.” Er sagte derlei Dinge, um sich zu bestärken. „Und außerdem, die Schwierigkeiten, der Aufwand…Oh! nein, nein, tausendmal nein! das alles wäre mehr als dumm!”

Madame Bovary, S.262

Orelie: Rodolphe schreibt Emma einen Abschiedsbrief, der sie in große seelische und körperliche Verzweiflung stürzt. Sie genest nur schwer, und so schlägt Ihr Mann ihr einen Theaterbesuch in Rouen vor. Während der Aufführung begegnen sie dem Kanzlisten Léon Dupuis, der bald darauf mit Madame Bovary eine bewegte Liebesbeziehung eingeht. Wie endet diese?

Gustave Flaubert: Sie kannten einander zu gut und vermochten nicht länger jenes Staunen zu empfinden, das die Lust des Besitzens verhundertfacht. Sie war seiner so überdrüssig wie er ihrer müde. Emma fand im Ehebruch von neuem alle Schalheit der Ehe. Sie gab Léon die Schuld an ihren enttäuschten Hoffnungen, als habe er sie verraten; und sie sehnte sogar eine Katastrophe herbei, die ihre Trennung erzwang, denn ihr fehlte der Mut zu jedem Entschluss.

Madame Bovary, S.377

Orelie: Die Katastrophe trifft ein, denn Madame Bovary gibt verschwenderisch Geld aus, unterschreibt Wechsel, die sie nicht bezahlen kann. Es kommt zur Pfändung und dennoch kann sie die gemachten Schulden nicht zurückzahlen. Emma sieht keinen Ausweg mehr, als den Selbstmord. Wie verhält sich Charles in ihrer Sterbestunde?

Gustave Flaubert: Charles kniete auf der anderen Seite, die Arme ausgestreckt nach Emma. Er hatte ihre Hände genommen, und er drückte sie, bei jedem Schlag ihres Herzens zusammenzuckend, wie unter der Erschütterung einer einstürzenden Ruine. Je lauter das Röcheln wurde, desto schneller sprach der Geistliche sein Gebet; es mischte sich unter die erstickten Schluchzer Bovarys.

Madame Bovary, S.420

Orelie: Charles Bovary findet eines Tags die Liebesbriefe, die Léon und Rodolphe an seine Frau geschrieben haben. Es kommt zufällig zu einem Wiedersehen zwischen ihm und Rodolphe, der ihn auf ein Glas Bier ins Wirtshaus einlädt. Wie verläuft das Gespräch?

Gustave Flaubert: Charles, den Kopf in beide Hände gelegt, erklärte mit tonloser Stimme und der Gefasstheit unendlichen Schmerzes: „Nein, ich nehm es Ihnen nicht mehr übel!” Er fügte sogar ein großes Wort hinzu, das einzige, das er jemals gesagt hat: „Schuld ist das Schicksal!” Rodolphe, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand ihn ganz schön gutmütig für einen Mann in seiner Lage, ja sogar lachhaft und ein bisschen verachtenswert.

Madame Bovary, S.449-450

Orelie: Am Tag darauf stirbt Charles Bovary. Was können Sie über seinen Tod sagen?

Gustave Flaubert: Am nächsten Tag ging Charles hinaus und setzte sich auf eine Bank in der Laube. Lichtflecken fielen durch das Gitterwerk: die Weinblätter zeichneten ihre Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete, der Himmel war blau, Kanthariden schwirrten um die blühenden Lilien, und Charles rang nach Luft wie ein junger Bursche unter dem dunklen Liebesandrang, der sein trauriges Herz schwellte. Um sieben erschien die kleine Berthe. Er hatte den Kopf nach hinten geneigt, gegen die Mauer, die Augen geschlossen, den Mund offen, und hielt in den Händen eine lange Strähne von schwarzem Haar.

Madame Bovary, S.450

Orelie: Herr Gustave Flaubert, ich danke Ihnen für dieses Gespräch

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